Was ist Paradox?

Was ist Paradox?

Bereits als Kinder machten wir uns lustig über eine solche Frage und beantworteten sie mit dem Gleichnis: „Wenn eine Person die Kellertreppe emporsteigt und aus vollem Hals das Lied singt, vom Himmel hoch, da komm ich her“ – das ist Paradox.

Aber in allem Ernst, bereits als Kinder wussten wir damals schon, was sich widersprechende Handlungen und Meinungen sind und man persönlich versuchte sie zu vermeiden, denn sonst war man sich des Hohngelächters sicher – eine Schande.

Und heute? Im Alter meint man immer mehr von Paradoxien umgeben zu sein – und niemand lacht darüber, oder fühlt sich ertappt.

Übrigens, das Wort Paradox oder Paradoxon, Paradoxie, Paradoxa, kommt aus dem Griechischen. Der Wortteil „Para“ entspricht dem Lateinischen „Contra“ oder dem Deutschen wider, falsch, neben. Der zweite Wortteil „doxa“ bedeutet so viel wie „Meinung“, wirkliche oder scheinbar widersinnige Behauptung, scheinbare oder wirkliche Widersinnigkeit.

Wie wir merken, beschreibt das Wort Paradox überhaupt nicht eindeutig, dass etwas vollkommen falsch ist, sondern dass es auch nur scheinbar falsch sein kann. Und als ein Beispiel für eine scheinbare Widersinnigkeit gleich eine Weisheit von dem schottischen Dichter Walter Scott: „Wenn ein Mensch keinen Grund hat, etwas zu tun, so hat er einen Grund, es nicht zu tun“.

Als rhetorische Paradoxa bezeichnet man die Weisheit: „Weniger ist mehr“ und nicht unbekannt ist ein logisches Paradoxon, das sogenannte Lügner-Paradox von Eubulides. In dem ein Lügner behauptet: „Dieser Satz ist falsch“ und der daraus folgenden Erkenntnis: „Eine solche Aussage ist wahr, wenn sie falsch ist und falsch, wenn sie wahr ist“.

Bei Wikipedia erfahren wir: „Gemeinsam ist allen Paradoxa der Widerspruch zwischen dem Behaupteten einerseits und den Erwartungen und Beurteilungen andererseits, die sich aus vertrauten Denkschemata, Vorurteilen, Gemeinplätzen, Mehrdeutigkeiten oder begrenzten Perspektiven als alltägliche Meinung ergeben“.
Nach Jean-Jacqes Rousseau, dem Schweizer Schriftsteller und Philosoph sind Paradoxa Wahrheiten, die hundert Jahre zu früh erscheinen.

Paradoxien in der Politik
Gesellschaftliche Ideologien enthalten in der Praxis oft paradoxe Elemente, vor allem wenn sie mit absolut gesetzten Werten wie Freiheit oder Gleichheit operieren. So werden, um eine freiheitliche Ordnung aufrecht zu erhalten, Maßnahmen eingesetzt, die Freiheit total einschränken. Mit anderen Worten, in der Durchsetzung bestimmter Werte für die Zukunft, werden gleiche Werte in der Gegenwart geopfert.

Dabei wissen die politisch Verantwortlichen genau, dass menschlicher Verstand zu Trugschlüssen neigt oder Erkenntnisse nur ganz langsam reifen, manchmal viel zu spät. Wie ist es sonst möglich, dass in der Jetztzeit moderne Kriege von den Aggressoren stets als Verteidigungskriege begonnen werden und kaum jemand regt sich darüber auf. Wahrscheinlich weil Angriff und Verteidigung durch ein und denselben Handelnden als Widerspruch aufgefasst werden und eine Widersinnigkeit, also ein Paradoxon sind.

Ein anderes Paradoxon erleben wir augenblicklich in Berlin.
Wahlen sind üblicherweise auch ein Maß dafür, wie die Politik einer Partei bei den Wählern ankommt und entsprechend hoch oder niedrig ist deren Zustimmung. Als normal denkender Mensch würde man jetzt erwarten, dass wenn die Zustimmung zu einer Partei abnimmt, ein Umdenken bei der Partei hin zum Wählerwunsch einsetzt, damit die Partei bei einer folgenden Wahl wieder besser von den Wählern angenommen wird. Aber weit gefehlt. Die nach den letzten Bundestagswahlen notwendig und bekannt gewordenen Ergebnisse der Sondierungsgespräche und Koalitionsvereinbarungen zwischen den Parteien, die jetzt wieder eine neue Regierung bilden, haben in der Gesamtheit immer noch die gleichen Ziele, eher ein mehr davon was vom Wähler abgelehnt wurde. Im Gegenteil, man unterstellt jetzt dem Wähler, nicht fähig zu sein das „richtig“ zu verstehen, was die Parteien eigentlich erreichen wollen. Oder mit anderen Worten, der Wählerwille, der Wille des Souveräns, ist vollkommen egal, auch wenn eine Partei in ihrem Bestand dadurch gefährdet ist, solange es eben reicht, um augenblicklich Macht ausüben zu können.

Wilhelm von Humboldt hatte diesbezüglich schon vor langer Zeit erkannt: „Gerade in der Geschichte der Menschheit sind die Extreme am nächsten mit einander verknüpft und jeder äußere Zustand, wenn man ihn ungestört fortwirken lässt, arbeitet, statt sich zu verfestigen, an seinem Untergang“.

Auch mit den miteinander verknüpften Extremen befasst sich das folgende hoch brisante Paradoxon. Unterstellen wir dem Leser seine Zustimmung, dass in unserer Bundesrepublik zurzeit eine ausgesprochen „linkslastige“ Politik vorherrschend ist, im Gegensatz zu früher, als man großen Wert darauf legte stets „Politik der Mitte“ zu machen, erfährt man jetzt, dass „der Kampf gegen rechte Politik“ überall dringendes Gebot sei.
So stellt sich die Frage, ohne dass eine Bewertung eine politische Richtung erfolgt, weshalb kann man nicht, oder will man nicht erkennen, dass wenn sich eine herrschende Macht in eine bestimmte Richtung bewegt, dass die Gegenseite der Macht dann durch Belegung des freigewordenen Raums unwillkürlich größer wird. Es entwickelt sich auf der der Macht entgegen gesetzten Seite förmlich ein Vakuum, das automatisch aufgefüllt werden will. Man könnte auch von einem Naturgesetz sprechen. Oder wir könnten aber auch die Physik bemühen, denn im Physikunterricht haben wir gelernt: „Wo ein Körper ist (z. B. in der Mitte), kann kein zweiter sein“ und im Umkehrschluss: „Wo ein Körper entschwindet, wird ein anderer Körper seinen Platz einnehmen“. Das Paradoxon liegt hier also zwischen Ursache und Wirkung und dem nicht erkennen können, dass die Ursache (mehr linke Politik), eine unerwünschte Auswirkung (mehr Widerstand auf der Gegenseite, der sodann immer stärker und härter bekämpft werden muss) erzeugt. Da fragt man sich doch, haben wir es hier mit einer scheinbaren oder wirklichen Widersinnigkeit zu tun? Wir können gespannt sein, ob sich dieses Paradoxon auf demokratischem Weg einmal wieder auflösen lässt?

Gibt es auch Paradoxien in Velbert?
Eigentlich schon. Man braucht sich nur mit dem Thema Klimaschutz befassen. Dabei ist Velbert bemüht, spezielle Projekte zu entwickeln, denken wir an die angedachte „Klimasiedlung“. Nur es ist seit langem bekannt, dass ausgedehnte Vegetation auch im Zentrum der Städte die Klimabilanz verbessern hilft. Jedoch statt mehr Vegetation in die Stadt zu integrieren, in dem man Flächen er- und aufschließt, wo Bäume gepflanzt oder Hauswände begrünt werden können, stellt man fest, dass immer mehr Bäume in Velbert Mitte verschwinden. Bei Leuten nachgefragt, bei denen man meint, dass sie im Thema sind, da sie fleißig Flyer an Passanten verteilen, die über die städtischen Klimaaktivitäten informieren, wo denn Ersatzpflanzungen vorgenommen oder wenigstens geplant seien, erhält man nur ein Schulterzucken.

Andere Paradoxien erfahren wir durch unsere Stadtverwaltung in Bereichen die sich um Wirtschaftsförderung drehen. Seit Jahren ist die Rede davon, dass man die beiden kleineren Stadtteile Velberts, Langenberg und Neviges, durch Tourismus, Tagestourismus oder Nahtourismus, fördern will, damit diese Ortsteile aufgewertet und wirtschaftlich nicht ganz abgehängt werden. Jedoch bei der Umsetzung dieser Ziele werden die wichtigsten Voraussetzungen, die für die Gewinnung von Touristen notwendig sind, sogar noch abgebaut oder in erbärmlichem Zustand belassen. Denn statt von Fachleuten besetzte Service- und/oder Informationsbüros vor Ort vorzuhalten, wozu auch ansehnliche Toiletten gehören, wird alles nur Privatinitiativen überlassen.

Privatinitiativen sind es auch, die eine Stadt lebenswert machen und wenn diese Initiativen im gesellschaftlichen/wirtschaftlichen Raum durch ihren Erfolg dokumentieren, dass ein Bedarf an solchen von privat entwickelten „Events“ besteht und der Stadt auch keine zusätzlichen Kosten entstehen, so versteht man die Welt nicht mehr, wenn städtische Abteilungen aufs äußerste bemüht sind, auch ihre Rechtsabteilungen beauftragen, um mit dem Aufbau bürokratischer Hürden und Argumenten, die nicht vom Gesetzgeber gefordert werden, aber als solche von den Sachbearbeitern eingesetzt werden, diese Initiativen zu unterbinden und sogar zu ahnden.

In allen drei zuletzt genannten Beispielen bestehen die Paradoxien darin, dass durch Politik oder Privatinitiative Aktionen angestoßen werden, welche für die Menschen unserer Stadt bestimmt vorteilhaft sind, von manchen städtischen Fachabteilungen auch begrüßt werden, die aber durch Inkompetenz anderer Stellen der Stadtverwaltung, indem nicht zu einem positiven Ende gedacht wird, letztlich zunichte gemacht werden.

Wem jetzt vor lauter Paradoxien der Kopf raucht, zum Schluss noch einmal etwas aus der Kindheit. Dort wurde uns die Biographie des Till Eulenspiegel bekannt gemacht. Eine Episode berichtete von den Wanderungen des Tills und dass er stets traurig und den Tränen nahe war, wenn es bergab ging und er aber fröhlich und frohgemut war, wenn er beschwerlich bergan stieg. Die Erklärung, die man uns mit lieferte für diese paradoxe Handlungsweise war nämlich, dass Till in der weisen Vorausschau wusste, dass es nach jedem Abstieg einen anstrengenden Aufstieg geben würde und das stimmte ihn traurig. Hingegen wusste er beim Aufstieg, dass es nach Erreichen der Bergkuppe auch wieder einen leichten Abstieg gab und das stimmte ihn dann fröhlich.

Wenn wir Handlung und Erklärung analysieren, kommen wir zu der Erkenntnis, dass hier doch eine scheinbare Widersinnigkeit vorliegt. Würden wir jedoch der Handlung eine andere Erklärung beigeben, zum Beispiel, dass bevor es im Leben, nach einem selbst- oder unverschuldeten „Niedergang“, auch wieder freudig aufwärts geht, man also zunächst erst durch ein „tiefes Tal der Tränen“ durchmuss, so hätten wir es mit keinem Paradoxon zu tun, sondern mit einer Lebensweisheit.

Dietger Döhle
Velbert, 23.03.2018