Über das Für und Wider von Grenzen

Über das Für und Wider von Grenzen

Was haben Grenzen und Freiheit mit einander zu tun? Man könnte auch fragen, was haben Eigentum und Grenzen mit einander zu tun? Sind Grenzen nun ein Segen oder ein Fluch? Oder anders gefragt: Sind Grenzen noch zeitgemäß?

Diese Fragen stellt man sich immer mehr in Anbetracht, dass es über das Thema „Grenzen ja – Grenzen nein“, oder „Grenzen auf – Grenzen zu“ unterschiedliche Auffassungen gibt. Hier einmal der Versuch das Thema sachlich zu hinterfragen.
Also fragen wir doch erst einmal nach, wie hält es eigentlich unsere Natur mit Grenzen? Gibt es da überhaupt Grenzen? Die Natur ist sachlich gesehen ganz unpolitisch. Natur, unbeeinflusst von uns Menschen, ist eigentlich, wie wir merken werden, auf Selbsterhalt bedacht.

Beobachtungen in der Natur
Schaut der Autor aus seinem Wohnungsfenster, so sieht er zum Beispiel in nicht allzu weiter Entfernung einen Bach. Im Bach fließt Wasser. Mengenmäßig einmal etwas mehr oder einmal auch weniger, aber immer innerhalb von Grenzen, die durch die Uferböschungen, rechts- und linksseitig markiert werden. Es passiert die meiste Zeit nichts, was uns Menschen beunruhigen müsste, das Wasser fließt einfach Tag für Tag, so hat man den Eindruck, friedlich dem Meer entgegen. Außer wenn durch starken Regen oder im Winter, durch Schneeschmelze, die Wassermenge ansteigt, die durch das Bachbett abfließen will.

Dann sprengt das Wasser schon einmal förmlich seine Grenzen und ergießt sich dann grenzenlos über das Land. Dabei beobachten wir, dass das Wasser, ohne welches kein Leben auf unserer Erde möglich ist, also von uns dringend gebraucht wird, so es sich denn im Übermaß und unkontrolliert in rasender Geschwindigkeit über das Land ergießt und ausbreitet, Leben vernichtet. Leben von Tieren und Pflanzen, hin und wieder auch von Menschen und es richtet immense Schäden an.
Erst wenn die zufließenden Wassermassen sich wieder verringern, kehrt das Wasser in sein natürliches Bachbett zurück und fließt innerhalb seiner ursprünglichen Grenzen seinen früheren Weg entlang.

Die Menschen, die öfter von Überschwemmungen betroffen wurden, haben darauf reagiert und haben begonnen Deiche zu bauen, also die Grenzen zu verstärken und zu erhöhen, um sich des zu vielen Wassers zu erwehren. Je mehr die Technik fortschreitet, wurden Staudämme errichtet, oder mit dichten Spundwänden ganze Stadtviertel vor unwillkommenem Wasser geschützt.

Eine weitere Beobachtung in der Natur lässt sich anschließen. In der Nähe des Baches steht ein hoher Baum. Der steht eigentlich schon seit vielen Jahren nur so in der Gegend herum aber kennt der auch Grenzen?

Man wird es nicht glauben, wenn man sich die Mühe macht, die Natur intensiv zu beobachten, so wird man feststellen, dass auch Bäume, also pflanzliche Lebewesen, Grenzen kennen und das sogar in mehrfacher Hinsicht. Es gibt Baumarten, die lassen rings um ihren Stamm keinerlei Wachstum zu. Der Beobachter stellt fest, dass unter einem ausgewachsenen Baum, obwohl jährlich unzählige Samen vom Selben herunter auf die Erde fallen, keine Sämlinge in unmittelbarer Nähe des Stammes wurzeln. Wohl in angemessenem Abstand findet man entsprechende Versuche, dass sich kleine Bäumchen der gleichen Art durchsetzen und auf dem Erdboden anwachsen. Unter dem Baum selbst dürfen nur, wenn überhaupt, andere Pflanzen wachsen, die dem Baum nicht gefährlich werden, respektive ihm von besonderem Nutzen sind.

Sollte jedoch der Mensch eingreifen und in zu geringem Abstand einen neuen jungen Baum neben einen alten Baum pflanzen, kann man beobachten, das der junge Baum sich windet und wendet, sich schließlich dem älteren Baum, so dieser nicht krank ist, unterordnet, in dem er seine Äste vermehrt nach der dem älteren Baum abgekehrten Seite austreiben lässt und dass der junge Stamm schief wächst. Da Bäume sich nun einmal nicht von allein fortbewegen können entsteht trotzdem ein regelrechter Kampf zwischen den Gewächsen, deren zu nahe Standorte gewissermaßen eine Grenzverletzung bedeuten. Das Gewächs, welches die größte imaginäre Stärke besitzt wird gerade nach oben wachsen, das andere Gewächs verkrüppelt.

Als weiteres Merkmal einer Abgrenzung kann man auch die Rinde eines Baumes betrachten.

Sie schützt den Baum am Stamm und an den Ästen vor allem vor schädlichen Einflüssen von außen. Bei beschädigter Rinde, also bei einer „Grenzverletzung“, reagiert der Baum sofort mit eigenen Abwehrmaßnahmen, um einen Riss in der Rinde schnell wieder zu schließen oder zu erneuern, sie wieder dicht zu machen.
Gleiches passiert, wenn z.B. einzelne noch lebende Äste abgerissen oder abgesägt werden. Denn sind die Schäden an der Rinde, der natürlichen Begrenzung des Baumes, zu groß, dass also die Abwehr gegen eindringende Schädlinge oder Schadstoffe in das Gefüge des Baumes nicht mehr voll funktionsfähig ist, wird er krank und stirbt nach einer gewissen Zeit ab.

Im nächsten Jahr wird man bei Fichten, die dieses Jahr vermehrt wetterbedingt vom Borkenkäfer befallen wurden, in dem diese die Rinde angebohrt haben und unter die Rinde eingedrungen sind, ein Absterben der Bäume beobachten können. Dabei spielt das massenhafte Eindringen der Schädlinge die entscheidende Rolle. Ein einzelner Borkenkäfer würde eine große Fichte nicht „jucken“.

Ein anderes Beispiel – ein Ameisenhügel im Wald. Die darinnen beheimateten Ameisen bilden alle gemeinsam einen Ameisen-Staat. In dem Staat ist alles fein geregelt, als dass jede einzelne Ameise gemeinsam mit anderen bestimmte Aufgaben wahrnimmt. Die einen sind z.B. für die Vervollkommnung des Bauwerkes verantwortlich, andere für das Raumklima innerhalb des Bauwerkes. Wieder andere für die Verpflegung der Artgenossen, oder für die Betreuung des Nachwuchses und so weiter.

Der interessierte Beobachter sieht aus respektvollem Abstand ein ungemein emsiges aber friedliches Treiben um den Ameisenhügel herum, bis dass er, je näher er an den Ameisenhügel herankommt und gewissermaßen eine Grenze überschreitet, die er so gar nicht erkennen kann, deren Überschreitung aber von den Ameisen als Aggression gegen das eigene Volk wahrgenommen wird. Denn todesmutig stürzen sich die Ameisen auf den vermeintlichen Aggressor, um ihn schnell wieder zu vertreiben. Eine Willkommenskultur Fremden gegenüber, wie man es von uns Menschen erwartet, kann man von den Ameisen nun einmal nicht erhoffen, denn sie handeln bei ihrem Abwehrverhalten gewissermaßen rein instinktiv nur auf Grund ihres kollektiven Selbsterhaltungstriebes.

Beobachtung in der menschlichen Gesellschaft
Wie wir aus nur drei Beispielen erkennen können, in der Natur, der wir als Menschen doch auch angehören, kennt man Grenzen und sind Grenzen aus gutem Grund total nötig und auch sinnvoll. Nur wie sieht es dort aus, wo wir Menschen als denkende Wesen in der Natur unseren Platz behaupten, wie halten wir es mit den Naturgesetzen? Gehen wir mit diesen Gesetzen und Grenzen konform?

Nehmen wir als erstes ein Beispiel, ein dem Menschen sehr eigenes, das Eigentum. Jeder Mensch hat Eigentum, oder strebt nach Eigentum. Im Zusammenleben der Menschen markiert von Anbeginn das Eigentum die Grenze was jemand darf und was er nicht darf. Der eine Mensch hat weniger, der Andere mehr Eigentum. Nein – denken wir dabei nicht nur an Grund und Boden. Zum Eigentum können Sach- oder Geldwerte gehören, aber auch Ideen. Eigentümer können Einzelpersonen, oder auch Gruppen (Familien) sein.

Es gibt eigentlich keinen Menschen, der kein Eigentum hat, mag es noch so winzig oder wenig sein. So lange Eigentum ehrlich erworben oder erzeugt wurde, darf es vom Menschen genutzt werden und es muss der Mensch selbst frei darüber verfügen können.

Die Überlassung des Eigentums zur Mitnutzung durch andere kennen wir z.B. als großzügige Gastfreundschaft oder im Zuge eines Tauschs (wie etwa Miete gegen Wohnung). Allem liegt ein freiwilliger Vertrag zu Grunde, der auch nicht schriftlich fixiert, wie im Falle bei der Gastfreundschaft vom Mitnutzer und vom Eigentümer einzuhalten ist, sonst funktioniert das Miteinander der Vertragspartner nicht.

Wie oben schon angemerkt, braucht Eigentum Grenzen. Woher weiß man sonst, wo beginnt das Eigentum und wo endet es? Welches ist das Eigentum des Nachbarn? Denn zum Eigentum gehört auch unmittelbar Verantwortung. Wer bereit ist, sein Eigentum, oder das der Gruppe selbstverantwortlich zu pflegen und zu schützen, wird es länger nutzen können, als wenn man sich vor Verantwortung drückt. Für jeden Menschen muss also gleiches Recht gelten, auf Mehrung und Schutz seines Eigentums in dessen Grenzen.

Nur wie hält es unser Staat mit dem Eigentum seiner Bürger? Ganz einfach, er lässt sich regelmäßig über den Umfang – also die Grenzen – des Eigentums seiner Bürger berichten und belegt sie analog der Größe oder Höhe des (besonders monetären) Eigentums mit Steuern und Abgaben. Wehe ein Bürger kommt seiner Berichtspflicht nicht nach, dann wird er geschätzt.

Mit anderen Worten der Staat ist froh, Informationen über das „eingegrenzte“ Eigentum seiner Bürger zu erhalten, denn wäre es ohne Grenzen wäre er nie sicher, Monat für Monat, Jahr für Jahr, im vollen Umfang die selbstverantwortlichen Eigentümer um jeweils die Hälfte ihres neuerworbenen Eigentums, das sie in Form von Erwerbseinkünften oder Renten usw. erarbeitet und erhalten haben, enteignen zu können.

Gäbe es Eigentum nur ohne Grenzen, das mag man sich gar nicht vorstellen, so müsste auch die Verantwortung grenzenlos sein. Niemand weiß, wem was gehört und für was er verantwortlich sein müsste. Wer könnte ein solches Chaos beherrschen? Es wäre gegen das Miteinander der Menschen gerichtet.
In Zusammenhang mit Eigentum ist auch Freiheit und Wohlstand zu sehen, die mit zu den höchsten Gütern des Menschen gehören. Wohlstand setzt Eigentum und Freiheit voraus. Bleiben wir noch etwas bei der Freiheit im Allgemeinen aber auch bei der Meinungsfreiheit. Freiheit als Möglichkeit definiert, nach eigenem Willen zu denken und handeln, oder vereinfacht ausgedrückt, die Freiheit als Abwesenheit von Zwang.

Freiheit, so meint man emotional kann nicht groß genug sein. Aber rational und rein sachlich betrachtet braucht Freiheit auch Grenzen, denn grenzenlose Freiheit, so wissen wir, führt in letzter Konsequenz zu Anarchie, zur Gesetzlosigkeit.

Die größtmögliche Freiheit des Einzelnen muss deshalb immer wieder neu ausgehandelt werden können, dabei darf die Freiheit des Einzelnen jedoch nur so weit gehen, wie die Freiheit des anderen nicht beeinträchtigt wird.

Wenn sich alle Individuen, alle Gruppen von Menschen, aller Ethnien, einer solchen Vereinbarung freiwillig unterwerfen würden, könnte viel Kraft gespart werden, um sich vor Einschränkungen der Freiheit, also vor Unfreiheit zu schützen, insbesondere da wir Menschen auf der Erde immer zahlreicher werden, jedoch der zur Verfügung stehende und benötigte Raum nicht mit wächst.

“Praktische Freiheit braucht Selbstverantwortung und Vernunft. Wer nicht vernünftig ist, kann in diesem Sinne nicht optimal frei sein“, so die Aussage von Immanuel Kant.

Ähnlich ist es bezüglich der Vernunft auch mit der Gedanken- oder Meinungsfreiheit. In diesem Freiheitsbereich möchten wir emotional stets bar jeglicher Grenzen sein, um unsere Gedanken „frei fliegen“ lassen zu können. Es sollte keinerlei Denkverbote, also keine Grenzen geben, außer wenn jemand oder eine Gruppe ihre eigene Meinung oder Ideologie anderen Menschen aufzwingen will. Dann muss es sachlich strikte Grenzen geben. Die mit einem Meinungszwang einhergehende Gedanken-, oder Sprachpolizei kennen wir aus Deutschlands unrühmlichen Zeiten im vorigen Jahrhundert noch sehr genau. Staatliche Diktaturen herrschten damals 12 Jahre lang grenzenlos über das ganze Land und anschließend nochmals mehr als 40 Jahre lang über einen Teil Deutschlands.

Am Anfang dieses Aufsatzes stand u.a. die Frage: „sind Grenzen noch zeitgemäß?“ Es wurde versucht sachlich und neutral an einigen Beispielen zu analysieren, wie sieht es damit in der Natur und im menschlichen Zusammenleben aus?

Unsere derzeitige Meinungslandschaft in Deutschland und auch in Europa ist gespalten. Bei einer Gruppe von Politikern besteht das Bemühen, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft zu schaffen, um damit grenzenlos alle Sorgen und Nöte aus der Welt zu schaffen. Eine andere Gruppe möchte altbewährtes erhalten. Eine Gruppe bemüht sich hauptsächlich emotional, von moralischen Motiven unterstützt, also das “Bauchgefühl“ ansprechend, ihre Ideen durchzusetzen. Die andere Gruppe hält mit Sachargumenten dagegen und will Grenzen erhalten wissen. Jedoch letztlich werden wir erfahren: „endgültig wird nichts gegen die Natur selbst und entgegen der Natur der Menschen möglich sein“.

Velbert, im Januar 2019
Dietger Döhle