Unsere Stadt und ihre Einwohner

Unsere Stadt und ihre Einwohner

Wie sich doch die Dinge ändern, und das auch noch in so kurzer Zeit.

Erinnern wir uns doch daran, als vor zwanzig Jahren unsere Wählergemeinschaft gegründet wurde – damals noch unter dem Namen „Stadtteile voran“ – und wir erstmals im Stadtrat mit den Plänen der Stadtverwaltung konfrontiert wurden. Da hieß es: „Wir wollen Großstadt werden“. Es war zu der Zeit allgemeiner Tenor des Bürgermeisters und der größeren Parteien, denn es sollte eine Einwohnerzahl von mindestens 100.000 erreicht werden. Nur – niemand wollte es wahrhaben – anstatt die Einwohnerzahl stieg, sank sie von Jahr zu Jahr.

Hatte Velbert nach der Eingemeindung von Neviges und Langenberg im Jahr 1975 stolze 95.000 Einwohner, so sank die Zahl bis ins Jahr 1999 auf etwa 89.000 und weiter bis 2016 sogar auf so knapp 82.000. Erst in den letzten beiden Jahren nahm die Einwohnerzahl wieder leicht zu, so dass wir jetzt fast 85.000 Einwohner zählen können.

Eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung bestätigte vor 15 Jahren zudem den Trend, dass z.B. Velbert zu den Einwohnerverlierern gehören würde, im Gegensatz dazu Düsseldorf enorme Einwohnersteigerungen zu erwarten hätte. Also haben ganz Schlaue an verantwortlichen Stellen in Politik und Verwaltung unserer Stadt damit begonnen, statt gegen den „Trend“ anzukämpfen, Velbert zu schrumpfen. Es wurden Wohnungen abgebaut, denken wir noch an mindestens zwei Hochhäuser mit der Begründung soziale Brennpunkte zu entschärfen. Grundschulen in Velbert Mitte und weiterführende Schulen in Neviges wurden geschlossen, Langenberg verlor sein Freibad. Übergangswohnungen für Migranten wurden bis auf ein Minimum aufgegeben. Alles was östlich von Velbert Mitte liegt wurde als nicht beachtenswert oder vernachlässigbar abgetan. Der kleinteilige Einzelhandel in Neviges und Langenberg, der einst dort die Ortsmittelpunkte belebte, ist kaum noch existent. Der Fokus wurde ausschließlich auf Velbert Mitte gelegt mit sehnsüchtigem Blick auf den magisch anziehenden Westen, mit Düsseldorf als glänzende Metropole.

Der städtische Haushalt konnte zunächst jährlich noch vom vorher angesammelten Bestand her ausgeglichen werden, später regelte mehrere Jahre lang das Haushaltssicherungskonzept den Ausgleich.

Und jetzt kommt eine Meldung von der Bezirksregierung, dass sie gedenkt den Regionalplan zu verändern, um im Endeffekt auch in Velbert und besonders in dessen beiden Stadtbezirken Langenberg und Neviges mehr Wohnraum zu schaffen und neue Bürger anzusiedeln, zur Entlastung der überbevölkerten Landeshauptstadt.

Eigentlich sollte man meinen, es wäre doch ein Geschenk für Velbert, dass sogar von übergeordneter Stelle der Stadt jetzt Avancen gemacht werden, damit ihr damals vor über zwanzig Jahren angestrebtes Ziel nun doch noch erreicht werden könnte? Es müsste doch jetzt in unserer Stadt einen Ruck geben und Ideen gesammelt werden, wie mit den neuen Möglichkeiten wirtschaftliche Vorteile für unsere Stadt generiert werden könnten, aber nein, die ersten Reaktionen sind sehr verhalten, eher moralisch ablehnend bezüglich eines dann nötigen Flächenbedarfs für neuen Wohnraum, aber auch für zusätzliche Industrieansiedlungen.

Dennoch dürften wir jetzt gespannt sein, ob sich, bezogen auf einen künftig möglichen Bevölkerungszuwachs, demnächst hier die Moral oder die Vernunft durchsetzen wird.

Dietger Döhle,
Velbert, im April 2019